Wer baut die Chromatische Harfe?

Im Jahre 1997 kam Christoph Pampuch mit einem ganz besonderen "Harfenwunsch" in unsere Werkstatt. Mit einer wohlüberlegten, philosophisch begründeten Idee einer Harfe, auf der alle Töne gleichberechtigt nebeneinander liegen und auch keine Tonart gegenüber einer anderen bevorzugt ist, erweckte er mein Interesse. Die Vorstellungen, was die Harfe für Eingenschaften besitzen sollte, waren auch schon recht klar und so konnten wir in einigen Stunden Gespräch ein erstes Konzept erarbeiten, das ich dann in den nächsten Wochen in Plänen und einem ersten Prototyp verwirklichen konnte.

Eine Harfe mit dem Klangbild unserer Böhmischen Harfe, die nur so groß sein durfte, daß sie im ICE-Express ins Gepäckfach paßte, mit zwei sich durchkreuzenden Saitenebenen, bei der abwechselnd ein Halbton auf den anderen folgt. Also zwei sich durchkreuzende Ganztonskalen. Eine Besonderheit war, daß keine Saiten eingefärbt waren, um das Prinzip der Gleichberechtigung zu wahren. (Dieses Prinzip wurde dann nach einigen Monaten zugunsten eines sichereren Spiels aufgegeben, denn die Orientierung bei so vielen Saiten war ohne Farben zu schwierig) Mit dem optischen Ergebnis meiner Arbeit war ich zufrieden und konnte die Harfe guten Gewissens an Christoph übergeben......

Ein seltsames Gefühl blieb aber, denn eine Harfe zu verkaufen, auf der ich noch keine Melodie gespielt hatte und bei der ich nicht einschätzen konnte, wie sie klingt, war etwas ganz Neues für mich. Ich hatte es versucht, aber auf diesem "seltsamen" Instrument konnte ich nicht spielen. Umso schöner und erstaunlicher war dann mein Eindruck von der Harfe, als Christoph nach einem Jahr in die Werkstatt kam und uns erste Melodien vorspielte. Da, wo ich vom Konzertharfenspiel die schwierigen Passagen noch im tiefen Bewußtsein hatte und mich schon innerlich anspannte, ob er auch gut über diese anspruchsvollen Stellen kommen würde, blieb Christoph ganz gelassen und spielte mit der gleichen Leichtigkeit weiter, wie vorher..... als wäre nichts chromatisches gewesen, was einem sonst auf der Haken- oder Pedalharfe immer etwas zusätzlich abverlangte.... Es war ein Genuß, den Harfenspieler bei diesen Passagen so locker zu sehen.

Und dennoch war ich überzeugt, daß ich in meiner restlichen Harfenbauerzeit höchstens noch 2-3 solcher Harfen für einige andere exotisch denkende "Aussteiger" bauen würde. Dieser Gedankengang entpuppte sich als vollkommen falsch, denn unterdessen sind es schon über 50 Chromatische Harfen, die (vor allem in Baukursen) entstanden sind. Eine Entwicklung, die ich damals nicht vorhersehen konnte und die unterdessen glücklicherweise auch andere Harfenbauer dazu animiert hat, selber Chromatische Harfen in anderen Größen, mit anderen Saitenspannungen und natürlich auch mit anderen Klangbildern zu bauen. Der Weg dieser "neuen" Chromatischen Harfe, die über einige Freunde unterdessen auch den Weg nach Amerika gefunden hat (wo sie, aufgrund der Saitenanordnung treffender Weise "six-six" genannt wird) beginnt wohl erst und schlägt weite Kreise, denn die Musikrichtungen, die gespielt werden, sind so vielfältig, wie die Instrumente und die Menschen, die sich für diesen Harfentyp interessieren.

André Schubert

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